Im Zen Buddhismus heißt es, dass das Denken eine Verunreinigung der absoluten Wahrheit im „ursprünglichen Gesicht“ ist.

Was ist mit „ursprünglichem Gesicht“ gemeint?

Es ist das Gesicht das du hattest bevor dir die Umwelt, die Gesellschaft beigebracht hat, eine bestimmt Rolle zu spielen. Es ist das Gesicht das du vor deiner Geburt und nach deinem Tod haben wirst. Es ist unschuldig und rein. Es hat kein Verlangen und kein Bemühen. Es ist natürlich und vollkommen. Hierbei geht es nicht um das Gesicht als solches, sondern um die Rolle, das Gesicht das wir nach aussen hin wiedergeben. Das was wir den anderen Menschen zeigen, damit sie uns akzeptieren. Wir müssen uns der Gesellschaft anpassen, damit wir nicht aus der Rolle fallen.

Schon als Kind versuchen wir herauszufinden, wie wir etwas erreichen können. Wie muss ich lächeln, damit ich von Mama einen Lutscher bekomme. Wie muss ich mich benehmen, damit ich von meiner Umwelt akzeptiert werde. Welches Verhalten muss ich an den Tag legen, damit ich wahrgenommen werde. Welche Anstrengung ist nötig, damit ich in diese Gesellschaft passe? Die unechten Gesichter sind nötig, damit wir in dieser Welt zurecht kommen? Die Welt scheint wie ein großes Schauspielhaus. Wir sind alle Schauspieler die ihre Rolle spielen. Es scheint ein interessantes und abwechslungsreiches Stück zu sein. Doch eines Tages wird die Langeweile kommen und man hat keine Lust mehr sich zu verstellen. Man will nicht mehr der liebe Nachbar von nebenan sein. Man will nicht mehr immer freundlich und nett sein. Man will einfach mal liegen bleiben, nicht den Rasen mähen. Einfach mal was anders machen.

Wie kann es zu so etwas kommen? Was passiert da?

Das ursprügliche Gesicht sucht sich immer energischer einen Weg zum wahren Ausdruck. Alles Unterdrückte kommt irgendwann hoch und möchte sich zeigen. Du kannst nicht mehr vortäuschen das zu sein, was du nicht bist. Unterdrücken ist leicht, authentisch zu sein ist schwer. Mit einem gespielten Gesicht ist es leichter und bequemer sich in der Welt zu bewegen. Hier und dort ein paar kleine Schauspielkünste und schon ist der Tag gerettet. Der Schauspieler wird immer größer, die Rolle immer automatischer. Es ist schon gar nicht mehr so schwer zu spielen. Die Rolle ist einem auf den Leib geschrieben. Doch das wahre Gesicht taucht immer tiefer ab und die Kluft zwischen deinem echten Sein und dem gespieltem Sein wird immer größer. Zugleich wird das innere Leid, die Unzufriedenheit und die Schuldgefühle immer stärker. Je länger man die Rolle aufrecht erhalten muss, um so unglücklicher wird man. Es ist eigentlich ein ganz natürlicher Vorgang.

Kleine Babys und Kinder sind so schön, weil in ihnen noch keine Gespaltenheit zu sehen ist. Sie sind vollkommen. Haben noch keine Verhaltensregeln auferlegt bekommen. Sie sind einfach wie sie sind. Es ist ihnen nicht mal bewusst, dass sie eines Tages in Gut und in Schlecht denken werden. Beides ist für sie noch völlig unreal, es existiert einfach nicht. Sie haben noch nicht in den Apfel gebissen. Der Verstand hat noch keinen Besitz von ihnen ergriffen. Aber er wird geweckt werden…

Gezwungendermaßen muss das Kind jedoch erzogen werden. Die Eltern greifen ein und es wird lernen müssen sich richtig zu verhalten. Die oder das nicht zu tun. Es muss lernen sich der Gesellschaft anzupassen. Und die Gesellschaft ist schon sehr alt, sie existiert schon ewig und es gibt Verhaltensregeln die nun für alle Menschen gleich gelten. Wer es nicht tut, braucht schon eine gehörige Portion Mut um einige Dinge anders machen zu können.

„Tu dies, oder mach das so“. Das Kind wird Dinge tun müssen, die es eigentlich vielleicht gar nicht machen möchte. Das echte Kind will vielleicht gar nicht irgendwas tun müssen. Es hat vielleicht gar nicht den Wunsch das zu machen. Wir setzen Dinge durch die dem Kind eigentlich widerstreben. Aber es wird lernen sich anzupassen. Was soll es auch anders tun. Es muss sich anpassen. Ansonsten könnte es sogar sein, dass die eignen Eltern das Kind nicht mehr verstehen. „Wir haben versucht ihm alles beizubringen, aber es hört einfach nicht“.

Oder es möchte vielleicht etwas tun, was aber „verboten“ ist. „Faß das nicht an“, „Leg das wieder hin“.“Hör auf zu weinen“. „Zieh dir eine Hose an“ usw…

Würde das Kind sich durchsetzten, und das tun immer mehr Kinder, würde es nicht mehr in die Gesellschaft passen. Es wäre schwierig für das Kind.

Warum ist das schwierig?

Weil die ganze Gesellschaft eine Schauspielaufführung darstellt. Jeder macht mit und hält sich so gut es geht an seine Rolle. Jemand der tut was er möchtet, ist hier nicht willkommen. Jemander der nicht arbeiten mag, kommt in dieser Welt nicht zurecht. Aber er muss arbeiten. Jeder arbeitet. Wichtig ist zu verstehen, dass es hier nicht darum geht, wie die Welt wäre wenn keiner arbeiten würde. In unserem Bewusstsein ist vielleicht noch keine Vorstellung von einer Welt ohne Arbeit! Zumindest scheint es so.

Authentische Menschen haben es schwer sich durchzusetzen. Sie brauchen sehr viel Mut um ein glückliches und authentisches Leben zu führen. Wir werden praktisch in dieses System hinein geboren.Aber wie geht es mit unserem Kind weiter, dass nun von den Eltern gelernt hat, wie es sich am besten verhält. Auch wenn es damit nicht ganz zufrieden scheint.

Wenn die Kinder erwachsen werden, werden sie selbst Kinder bekommen und dazu beitragen, dass sie ebenfalls unecht werden. Sie werden in das gleiche System geboren. Die gleichen Regeln, das gleiche Verhalten. Da ist nicht viel Platz für eigene Kreativität, für eigenen Ausdruck, für ein authentisches Wesen. Das ist die Verunreinigung der absoluten Wahrheit.Die Wahreit, das unschuldige Selbst, der ungescholltene Ausdruck des Seins hat eine Maske bekommen. Sie liegt auf dem ursprünglichem Gesicht.

Doch selbst diejenigen die das falsche Gesicht entdecken, denen das ganze Schauspiel eines Tages bewusst wird, werden ein weiteres falsches Gesicht aufsetzen. Jetzt werden sie vielleicht Hippies, Vegetarier, Yogis oder sie werden der Welt entsagen. Sie werden sich sagen, jetzt weiß ich was ich zu tun habe und wer bin. Ein neues Ideal ist gefunden. Es ist bestimmt besser und ich werde ein besserer Mensch sein. Ich bin nicht wie die anderen. Sie sind falsch und ich bin richtig. Doch auch dieses Gesicht entsteht nur auf Grundlage der anderen Gesichter. Es ist ein Reaktion auf das falsche Gesicht. Der Verstand ist geschickt und sucht sich seinen eignen Weg.

Was kann man also tun???

In Wahrheit gibt es nicht zu erringen oder zu verändern. Jede Veränderung bringt wieder etwas anderes hevor und man versucht immer noch die Dinge zu regeln. Das wahre Gesicht ist nichts, was man erreichen könnte. Es ist schon immer da. Es kann nur entdeckt werden. Man muss es finden. Jede Anstrengung ist unnötig. Die falschen Gesichter müssen abfallen, so dass nur noch das wahre Gesicht übrig bleibt.

Meditation ist ein Weg um die falschen Gesichter fallen zu lassen. Bei der Meditation ist es wichtig, ohne Gedanken zu sein. Denn ohne Gedanken gibt es kein falsches Gesicht. Ohne Gedanken ist die Gesellschaft überhaupt nicht da. Ohne Gedanken ist ein anderer gar nicht da. Selbst wenn du mit 1000 Leuten gemeinsam meditierst, kommst du irgenwann an einen Punkt wo du ganz alleine bist. Alle anderen sind verschwunden. Wem will man da noch irgendein Gesicht zeigen? Welche Rolle ist noch nötig die gespielt werden muss? In dieser Lücke, wo alles andere verschwindet, wo der eine Gedanke weg ist und der andere noch nicht aufgetaucht ist, dort entdeckst du dein wahres Gesicht.

Deshalb ist es so wichtig, sich der eigenen Gedanken bewusst zu werden. Sie sind einfach da wie Wolken am Himmel. Beurteile ihr auftauchen nicht. Sei wie ein Zuschauer der aus dem Fenster in den Himmel schaut. Wenn du anfängst etwas verändern zu wollen, wirst du neue Gedanken erzeugen. Wenn du akzeptierst wirst du vom Gedankenprozess weggetragen. Du verfängst dich in ihnen und es wird schwer dort raus zu kommen. Daher sei neutral, beurteile nicht. Bleibe Zeuge und beobachte was abläuft. Beurteile nicht mit: „Das ist gut und das ist jetzt richtig.“ Sage nicht das müsste doch falsch sein oder ich schaffe das nicht. Beurteile gar nichts mehr. Bleibe der Beobachter. Erkenne jedes Beurteilen als das was es ist, ohne es ändern zu wollen. Wenn du ihm keine Energie gibst, wird es von alleine verschwinden. Gib den Gedanken kein Futter mehr. Wenn du die Gedanken weiter mit deinen Beurteilungen und Verurteilungen  fütterst, können sie nicht von dir abfallen. Warum sollten Sie auch. Du bist ein gutes Muttertiert. Du nährst nicht nur deine eigenen Gedanken, du ziehst auch die Gedanken der anderen an. Jeder hat dir was zu erzählen, weil du so schön mitdenkst.Du bist wie eine große Mülldeponie die Gedanken sammelt und sich dann damit beschäftigt. Aber selbst dann, wenn du das erkannst hast, wirst du dich oder die anderen verurteilen.

Beurteile nicht. Lass eine Pause zwischen deinen Gedanken entstehen. Halte einfach an. Wenn du eine Blume anschaust, sagst du „Oh wie schön diese Blume ist“ Du hast sie mit deinem Blick schon bewertet. Es ist gar keine Pause zwischen dem Schauen und dem Denken da. Achte auf diesen mechanischen Vorgang. Zur gleichen Zeit wo man eine andere Person sieht, ist das Urteil schon gefallen. Man kann gar nicht mehr anders. Es war nichtmal eine Sekunde dazwischen. Kein Innehalten, keine Nachspüren, kein wirken lassen. Erkenne diesen mechanischen Ablauf und betrachte ihn nicht als gegeben an!

Wenn du einen sexuellen Gedanken hast, dann beobachte genau ob du ihn mit gut oder schlecht beurteilst. Vielleicht siehst du eine schöne Frau und hast sexuelle Gedanken, vielleicht siehst du ein hässliche Frau und denkst um Gottes willen. Beobachte deine andauernde Sucht zu beurteilen, zu vergleichen und verurteilen. Lass die Gedanken einfach so sein wie sie sind. Unterdrücke nicht und springe auch nicht darauf an. Bleib neutral und beobachte.Du bist nicht deine Gedanken. Du bist der Beobachter.

Wenn du irgendwelche göttlichen Wesen siehst, dann sage nicht „Oh wie schön“. Beobachte einfach weiterhin und bleibe innerlich neutral. Steige nicht drauf ein, bleibe der Zeuge, der Beobachter, derjenige der das alles erkennt ohne es zu bewerten. Sei das Bewusstsein selbst.

Du kannst einen kleinen Trick anwenden. Vielleicht ist dir schon mal aufgefallen, dass immer wenn du denkst, sich deine Zunge mitbewegt. Es ist eine ganz kleine Bewegung. Selbst jetzt bei lesen ist es vielleicht spürbar. Lies mal weiter, ohne deine Zunge zu bewegen. Lenke einen Teil der Aufmerksamkeit auf deine Zunge. Wenn dir deine Gedanken nicht auffallen, wird dir vielleicht die Bewegung der Zunge auffallen. Beobachte die Bewegung der Zunge und die deiner Gedanken. Beides findet zur gleichen Zeit statt. Ohne Bewegung der Zunge, keine Bewegung im Geist. Halte die Zunge an und du hälst für einen Moment deine Gedanken an.

Wenn du es schaffst nur eine winzige Lücke zwischen den Gedanken zu erkennen, dann wirst du ein anderer Mensch sein. Eine neue Ebenen hat sich dir eröffnet. Du hast etwas entdeckt, was tief in dir ist. Du bist einem Teil in dir begegnet, der dein wahres Wesen ist, dein wahres Gesicht, dein innerer Budhha. Dir geht ein Licht auf. Von nun an wirst du alle Gedanken verfolgen und erkennen können. Erst die groben und ganz alten Gedanken, die dich jeden Tag aufs neue beschäftigen. Später werden sie immer subtiler werden und irgendwann sind sie gar nicht mehr so wichtig, weil es eh immer die gleichen sind. Übe es jeden Tag!

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